Tilman Zschiesche: Welche Antwort kann Schule auf Schulverweigerung geben?
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Auszug aus der Tagungsdokumentation zur Tagung
Schulverweigerung Im Fokus: Schulverweigerung - Zur Qualität von Schule und Schulsozialarbeit
in Potsdam vom 23.– 25.11.2000
 
Was hat Schule mit “Schulverweigerung” zu tun? Diese greifbar nahe liegende Frage wird von Schulen selten ernsthaft gestellt. Unterrichtsalltag und andere Probleme erscheinen dringlicher als die Beschäftigung mit dem verhältnismäßig kleinen Anteil von SchulbummelantInnen. Ist es überhaupt sinnvoll sie im Unterricht zu halten? Kann sich die Schule auf diese Jugendlichen und ihre Probleme einstellen und welches Interesse können LehrerInnen daran haben? Die Antwort auf Schulbummelei ist zumeist eine administrative, bestenfalls organisatorische Reaktion vielleicht verbunden mit dem Ruf nach mehr Schulsozialarbeit.

In der Arbeitsgruppe “Veränderung von Schule als Antwort auf Schulverweigerung” haben wir versucht, das Blickfeld zu erweitern: Da ist zum einen der hohe Anteil von Jugendlichen, die in Deutschland keinen Berufsabschluss erreichen. Im Jahr 1999 waren in Deutschland fast 12% der in der BiBB/EMNID-Untersuchung [1] befragten Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Sie haben auf dem Arbeitsmarkt nur geringe Chancen. Diese Ergebnisse stellen dem deutschen Bildungswesen kein gutes Zeugnis aus und erlauben es nicht, das Problem der “Drop-Outs” gering zu schätzen.
Zum anderen kann die Antwort auf “Schulverweigerung” nicht allein die Aufrechterhaltung oder Herstellung der physischen Präsenz bis zum bloßen Erreichen von Abschlüssen bedeuten. Zu viele SchülerInnen haben innerlich mit der Schule abgeschlossen, sind geistig abwesend, stören oder beteiligen sich kaum am Unterricht. Sie haben eine negative Haltung gegenüber der Institution Schule und eine kritische Einstellung zu den Fähigkeiten ihrer LehrerInnen.
Vergleichbare Haltungen sind auch unter LehrerInnen verbreitet. In der Beschreibung des Schulalltags zeigen sich manchmal auffällige Parallelen: Der Mangel an Motivation und Engagement wird auf der jeweils anderen Seite der Schulbank verortet. Das Thema “Verweigerung” ist nicht auf SchülerInnen beschränkt.

Die Arbeitsgruppe hat sich daher mit folgenden Fragestellungen beschäftigt:

  • Welche Beziehung gibt es zwischen Verweigerung und Schule?
  • Wie kann Schule mit Verweigerungshaltungen anders umgehen und ihnen entgegen wirken?
  • Welche Antworten kann Schule auf veränderte Anforderungen und außerschulische Problemlagen der SchülerInnen geben?
  • Wie kann die Kooperation von Schule und Jugendhilfe solche Prozesse unterstützen?
  • Welche Erfahrungen und Beispiele gibt es hierfür?
  • Wie können “Best-practice”-Beispiele, abgesichert und übertragen werden?
  • Wie kann Qualität in solchen Prozessen entwickelt und sicher gestellt werden?

Diese Themen wurden mit Beiträgen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Die Qualitätssicherung in der Arbeitsgruppe erfolgte durch Christine Wetzel, Vertreterin des Landesschülerrats Mecklenburg-Vorpommern. Von ihr wurde auch die Sicht der SchülerInnen eingebracht, u. a. mit einem Bericht über die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Landesfachtagung zur Kooperation von Schule und Jugendhilfe mit dem Titel: “Und wer fragt uns? Die Erwartungen von SchülerInnen an LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen.”

In einem weiteren Beitrag stellte Waltraud Schroeder, Lehrerin einer Gesamtschule in Berlin-Charlottenburg und Initiatorin des Büros für Lernberatung in Berlin, Ansätze für eine grundlegende Veränderungen des Lernalltags vor. Sie verwirklicht an ihrer Schule das Konzept “Lernen mit allen Sinnen”, um auch die SchülerInnen erreichen zu können, denen der Lernzugang und damit der Zugang zu Schule und Wissensvermittlung nach den vorherrschenden kognitiven Lehrmethoden schwer fällt. Dass dies keineswegs die Minderheit der SchülerInnen ist, belegen zahlreiche Untersuchungen. An verschiedenen Beispielen zeigte Frau Schroeder, wie es im Unterricht gelingen kann, verschiedene Interessen, Befähigungen und Lernzugänge von Kindern und Jugendlichen anzusprechen, sie durch die Organisation von Lernerfolgen zu fördern und damit sowohl die Lern- und Schulzufriedenheit als auch die schulischen Leistungen eindrucksvoll zu steigern. Da dieser Ansatz Ängste vor Schulversagen abbaut und Motivation durch positive Leistungserfahrungen und intellektuelle Herausforderungen schafft, ist er zugleich eine wirksame Strategie gegen Schulfrust und Verweigerungshaltungen, die im herkömmlichen pädagogischen Setting sehr schnell entstehen können.

Nach der Vorstellung dieses Ansatzes, einer zunächst von einer einzelnen Lehrkraft initiierten, veränderten Unterrichtssituation, wurden von Insa Abeling, Schulsozialarbeiterin, und Hermann Städtler, Schulleiter, das Konzept des Schulprojektes “Bewegte Schule – Schule als lernendes System im Stadtteil” der Fridtjof-Nansen-Schule in Hannover vorgestellt. Die Darstellung dieses Konzeptes ist als weiterer Beitrag in diesem Tagungsband abgedruckt.

Diese sehr umfassende Reform einer Grundschule umfasst fünf Ansätze:

  1. Gesundheitsfördernde Schule
  2. Vernetzung der sozialpädagogischen Arbeit mit dem Unterricht
  3. Lernen neu organisieren
  4. Bewegung schafft Räume
  5. Veränderte Arbeitszeitmodelle für LehrerInnen

Die Vorstellung dieses Modells beeindruckte besonders, denn es zeigte neben dem ansteckenden Engagement der Akteure auch die Gestaltungsspielräume für Veränderungen an einzelnen Schulen deutlich auf. Zur Frage des Umgangs von Schule mit Schulverweigerung konnten Herr Städtler und Frau Abeling jedoch insofern nichts Dramaturgisches zum Verlauf der Arbeitsgruppe beitragen, als “Schulbummelei” an ihrer Schule tatsächlich nicht existiert. Diese Erfahrung kennzeichnet einerseits die Situation, die die Kinder in diesem als “sozialen Brennpunkt” zu bezeichnenden Stadtteil Hannovers zu Hause erleben, sie spricht aber vor allem für den Erfolg des Modells. Die Kinder kommen oft schon früher zur Schule und bleiben gerne, denn sie erleben die Schule als sozialen Mittelpunkt ihres Stadtteils und als positiv besetzten Gegenpol zu einer oft schwierigen Situation im Elternhaus. Bestandteil des Konzeptes “Bewegte Schule” ist auch die schul- und elternbezogene Integrationsarbeit mit Kindern aus über 20 verschiedenen Nationen aus zumeist sozial schwachen Familien.

Diese Beispiele wurden intensiv diskutiert, wobei sich aus der Betrachtung von Einzelbeispielen die Fragen nach der Verallgemeinerung von Erfahrungen und der Sicherung und Übertragbarkeit von Modellen ergeben. Mit diesem Thema beschäftigte sich abschließend das Impulsreferat von Prof. Franz Prüß, das in Kurzform ebenfalls in diesem Band abgedruckt ist. Die von Prof. Prüß vorgestellten Ergebnisse zeigen zum einen die hohe Belastung, der sich SchülerInnen durch die Schule und außerschulische Faktoren heute ausgesetzt sehen. Sie zeigen auch die Erwartungen, die SchülerInnen an Schule heute haben. Dabei wird deutlich, welch hohe Bedeutung dem Schul- und Klassenklima für die Akzeptanz von Schule durch SchülerInnen und besonders auch für die Erbringung schulischer Leistungen zukommt. Es sei an dieser Stelle auf den Beitrag von Prof. Prüß “Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung in der Schulentwicklung und in der Kooperation von Schule und Jugendhilfe” verwiesen. Von den zusammen fassenden Thesen aus seinem Aufsatz sei hier nur die erste zitiert: “Schule ist nur anziehend als Lern- und Lebensort.”

Diese – vielleicht nicht überraschende – Erkenntnis zog sich als roter Faden durch die Diskussion unserer Arbeitsgruppe. Durch die Beiträge der ReferentInnen und den Austausch unter den TeilnehmerInnen sollten jedoch vor allem Umsetzungsmöglichkeiten im Schulalltag, Gestaltungsspielräume der Akteure sowie erfolgreiche Kooperationsmodelle von Schule und Schulsozialarbeit aufgezeigt werden.

Dieses Ziel verfolgt auch der Modellversuch “Berufs- und arbeitsweltbezogene Schulsozialarbeit”, der im Rahmen der Arbeitsgruppenpräsentation vorgestellt wurde, an dem auch etliche Referenten der Tagung beteiligt sind. Dieses Fortbildungsmodell für LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und unter Beteiligung der Bundesländer und ihrer Fortbildungseinrichtungen vom Institut für berufliche Bildung und Weiterbildung e.V. durchgeführt. Ein ganz wesentliches Element dieses Konzeptes ist die gemeinsame, berufsübergreifende Qualifizierung von LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen. Inhaltlich befasst sich die Fortbildung mit den Fördermöglichkeiten für benachteiligte Jugendliche, der Vorbereitung auf die Ausbildungssituation, mit den Themen “Schulverdrossenheit” und “Schulverweigerung”, der Stärkung der Schülerbeteiligung und Motivation sowie mit Konzepten einer pädagogischen Schulentwicklung, sozialintegrativer Unterrichtsformen und der Qualitätsentwicklung und -sicherung in der Kooperation von Schule und Jugendhilfe. Die bisherige Erfahrung mit diesem Modell zeigt, dass insbesondere die gemeinsame Fortbildung von LehrerInnen und SchulsozialarbeiterInnen einen Beitrag zur Schulentwicklung und zur Qualitätssicherung der Kooperation von Schule und Jugendhilfe leisten kann.

Die Diskussion in der Arbeitsgruppe wurde für das Plenum der Tagung mit den folgenden fünf Thesen zusammengefasst:

  1. Schulen müssen sich weiter ändern. Sie gehen zu wenig auf die Interessen, auf die sozialen Bedürfnisse und auf die Lernerwartungen der SchülerInnen ein. Sie sind nach allen neueren Erhebungen maßgeblich an der Entstehung von Schulfrust, Schulbummelei, Schulverweigerung und Schulversagen beteiligt.
  2. Schulen können sich ändern. Es gibt überzeugende Beispiele dafür, dass Schulen – auch unter gegebenen Bedingungen – andere Wege einschlagen können, auf denen Schulfrust und Schulbummelei auf der Strecke bleiben und außerschulische Problemlagen besser erkannt und berücksichtigt werden können. “Wege entstehen beim Gehen”.
  3. Schulentwicklung bedeutet Förderung und Stärkung der fachlichen, methodischen und der sozialen Kompetenzen in der Schule. Die fachliche Qualität einer Schule kann nicht von ihrer sozialen Qualität isoliert entwickelt werden. Zur Verwirklichung beider Standards sind hohe methodische Fähigkeiten, kontinuierliche Reflexion und Fortbildungen erforderlich. Die Öffnung von Schule und der Bezug zum sozialen Umfeld ist eine weitere Herausforderung für die Schulentwicklung. SchülerInnen brauchen verlässliche Beziehungen, Lernen erfordert Bestätigung und Vertrauen. Der Kooperation von Schule und Jugendhilfe bzw. Schulsozialarbeit kommt bei der Verwirklichung und Vermittlung von sozialer Kompetenz in der Schule ein besonderer Stellenwert zu. (Zitat aus dem Vortrag von Hermann Städtler: “Der Kopf wird zur Schule geschickt; aber es kommt immer das ganze Kind.”)
  4. Schulentwicklung kann nicht verordnet werden. Schulentwicklung muss aber gefördert und unterstützt werden. Sie braucht Freiräume für die Entwicklung und Erprobung eigener Konzepte. Pädagogische Schulentwicklung erfordert zur Absicherung auch veränderte Organisationsstrukturen und die Entwicklung von Instrumenten zur Qualitätssicherung.
  5. Veränderungen an Schule müssen auch die Arbeitssituation der Erwachsenen an Schule einbeziehen. LehrerInnen, SchulsozialarbeiterInnen und SchülerInnen erleben im Schulalltag oft die gleichen Defizite. Schulentwicklung ist keine selbstlose Dienstleistung an der Institution oder am Schüler. Sie muss das Handeln und die Interessen der Erwachsenen einbeziehen, um erfolgreich zu sein. Sie ist an pädagogischer Professionalität, an sozialer Kompetenz und nicht zuletzt am Wohlbefinden der LehrerInnen am Arbeitsplatz orientiert. Auch die Verfolgung dieser Ziele kann Ausgangspunkt von Schulentwicklung sein.
Literatur
[1] Troitsch/László/von Bardeleben/Ulrich: Jugendliche ohne Berufsausbildung. eine BiBB/EMNID-Untersuchung, Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Bonn 1999